Was darf Satire? – Der extra 3-Satire-Workshop der Jugendpresse Nord
Von Marek Neu
Kurt Tucholsky beantwortete die oben stehende Frage 1919 in einem Essay knapp und simpel: „Alles“. Doch gilt das heutzutage noch genauso? Wie blicken junge Menschen auf dieses Genre mit seinen charakteristischen Stilmitteln? Solchen Fragen ist ein Workshop der Jugendpresse Nord am 22.10.2026 beim NDR in Hamburg-Lokstedt nachgegangen. Verknüpft wird alles mit Einblicken in die Produktion des NDR-Satire-Magazins „extra 3“.
Durchgeführt wird der Workshop von zwei Studenten der Christian-Albrechts-Uni zu Kiel, die dort das lokale Campusradio mitgestalten. Sie animieren die Teilnehmenden zum Einstieg, eine eigene Definition für den Begriff „Satire“ aufzustellen – was sich als durchaus schwierig herausstellt. Man kann sich darauf einigen, dass in dieser Form Politik und Gesellschaft kritisiert wird, und zwar auf humorvolle Art und Weise. Doch wie lässt sich dies in der Praxis auslegen? Die Teilnehmenden diskutieren verschiedene Beispiele aus der jüngeren Geschichte deutscher TV-Satire. Sind die Witze über Para-OlympionikInnen eines Luke Mockridge etwa weniger Satire als das berühmte Gedicht „Schmähkritik“ Jan Böhmermanns, der darin auf derbste Weise den türkischen Staatschef Erdoğan beleidigt? Beide Komiker bedienen sich zotiger, respektloser Rhetorik. Doch für die Workshop-Runde war entscheidend, dass die Rezeption von Satire u.a. davon abhängt, wer sie verbreitet und gegen wen sie sich richtet – denn jemand, der gegen einen Präsidenten austeilt, der seine Macht zur Unterdrückung der Bevölkerung missbraucht, die er eigentlich vertreten sollte, entfaltet eine weitaus weniger problematische Wirkung als ein körperlich Uneingeschränkter, der Scherze über körperlich Eingeschränkte reißt.
Vertieft werden die Eindrücke der Teilnehmenden durch eine Fragerunde mit Klaas Butenschön, der seit mittlerweile 15 Jahren als Redakteur für „extra 3“ arbeitet. Er spricht mit dem Workshop darüber, ob aus seiner Sicht im Humor von „extra 3“ Grenzen gesetzt seien und seinen Anspruch, „Satire nach journalistischen Standards“ zu produzieren. Außerdem spricht er über die Problematik für ihn als Satiriker, mit Donald Trump als US-Präsidenten zu leben, da er die Satire über ihn bereits selbst produziere.
Zum Abschluss des Tages wohnt die Workshopgruppe der Aufzeichnung einer „extra 3“-Episode bei und kann Butenschöns theoretische Einblicke mit der Praxis vergleichen. Ein weiterer Programmpunkt führte hinter die Kulissen des Fernsehens: Der Medientechnik-Student Lukas Lobmann zeigt der Gruppe einen Teil der NDR-Fernsehstudios. Die Teilnehmenden besuchen die Kulissen von „DAS!“, „NDR Info“ und „Hamburg Journal“ sowie die TV-Regie, Maske und Kostüm. Lobmann erläutert zahlreiche Aspekte der Arbeit beim NDR, insbesondere die technischen Abläufe. So nimmt die Gruppe sowohl Einblicke in die Arbeit von SatirikerInnen, als auch in das allgemeine TV-Geschäft mit nach Hause.
Eine Teilnehmerin zieht ein positives Fazit des Tages beim NDR: „Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, mit Fakten zu arbeiten und wie Satire scheitert, wenn sie nach unten statt nach oben tritt“.
